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Jul 20

Austausch statt Hassparolen

Austausch International

Austausch statt Hassparolen

 

Sie kamen mit einer Tonschale und frischer Minze, mit langen Gewändern und gehäkelten Mützen, mit Kraft und Arbeitslust.
Sie brachten uns das Teekochen, aber vor allem das Leben neu bei, zeigten uns ihre Reis- und Fleischgerichte, ihre Suppen, ihre Lebensweise und ihre Religion. Sie etablierten sich in diesem Land und teilten mit ihren Obst- und Gemüseläden fern exotische Gerüche und Geschmäcke. Sie bevölkerten eine Straße, die Straße wurde zu ihrem Viertel. Düsseldorf empfing sie damals mit einem ,,Ahlan wa sahlan!“, doch ist heutzutage immer alles noch so ,,mlih“ wie einst damals?
Was jetzt wie eine Reportage mit dem Titel ,,Couscous, Tajine und Islam – Als die Marokkaner nach Deutschland kamen“ klingen mag, ist in Wahrheit meine persönliche Verbundenheit mit der marokkanischen Kultur sowie ein kleiner Appell an unsere Leser, als auch der muslimischen und nichtmuslimischen Bevölkerung dieses Landes.
Düsseldorf, Ellerstraße: Fährt man vom Mintropplatz aus unter die Unterführung und kommt unter der Brücke hervor, so scheint es, als sei man gerade kilometerweit gereist. Es würde nur ein Schild fehlen ,,Ahlan wa sahlan fi Maghribi“ oder: ,,Sie verlassen jetzt Düsseldorf, Herzlich Willkommen in Little Nador“, wie ich die Gegend selber nannte, bevor durch die Medien im Januar 2016 die Bezeichnung ,,Maghreb-Viertel“ auftauchte. Zu beiden Seiten erstrecken sich marokkanische Geschäfte: Obst-und Gemüseläden, Supermärkte, Bäckereien und Patisserien, Restaurants und Cafés, Reisebüros, Möbelgeschäfte, Buchhandlungen… Hier können Sie nicht nur frische Lebensmittel einkaufen oder die kulinarische Küche probieren, sondern Sie können abschalten, die Alltagssorgen der Großstadt Düsseldorf vergessen und ganz neue Begegnungen machen – geschmacklich, als auch sozial. Schließlich sind Sie ja im ,,Maghreb-Viertel“! Hätte ich sagen sollen, Sie können auch ganz andere Begegnungen machen? Ein Taschendieb, ein Drogendealer, ein Kleinkrimineller vielleicht? Oder ein sich illegal aufhaltender Asylant, ohne Papiere und Deutschkenntnisse, der nur darauf wartet zuzuschlagen? Nach dem Motto: ,,Erst greif ich mir sie, dann ihre Tasche“. Selbstverständlich ruft so etwas Empörung und Entsetzen hervor. So fühlen sich viele im Viertel an den Pranger gestellt, immerhin waren sie vor mehr als 30 Jahren nicht so bei ihrer Ankunft in ihrem ,,Almaniya“, welches mittlerweile für viele Alteingesessene wie eine zweite Heimat ist.
Jedoch kann ich Sie beruhigen: Diese eben erwähnten Personengruppen sind nur eine Minderheit! Die überwiegende Mehrheit der in Düsseldorf bzw. allgemein in Deutschland lebenden Marokkaner überzeugt durch ihre Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft und kommt mit ihren deutschen Nachbarn ohne Probleme zurecht. Es sind Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion, die mit uns Deutschen Tür an Tür leben. Und der kulturelle Dialog funktioniert und zwar sehr gut! So bin ich, der vor knapp eineinhalb Jahren zum Islam konvertiert ist, gerne in der Gegend rund um die Ellerstraße, wo man Glaubensbrüder trifft, die man vom Sehen aus den Moscheen kennt, wo man mit alten Freunden im Restaurant bei einer Kanne Tee und einem leckeren Gericht über den Islam sprechen kann oder wo man in einer Patisserie kleine Kuchen und Törtchen für einen schönen Sonntagnachmittag mit den Eltern Zuhause holen kann. Kein Wunder, dass durch die Betreuung und liebevolle Aufnahme seit meiner Konversion, ich mich mittlerweile mehr und mehr mit der marokkanischen Kultur identifizieren kann, einige marokkanische bzw. berbische Wörter gelernt habe, im Restaurant ,,Al Baraka“ die Speisekarte auswendig kenne und mein Nachbar letztens zu mir meinte: ,,Du wirst bald ein Marokkaner!“ Düsseldorf, gekennzeichnet und bekannt für die Altstadt, den Rhein mit seinen Wiesen, den Fernsehturm und den Industrieanlagen von Henkel und Co, schafft Raum für den kulturellen Austausch sowie den interreligiösen Dialog mit seinem italienischen Viertel in Gerresheim, dem japanischen Viertel in Oberkassel, den vielen Afrikanern, die auch unter anderem auf der Kölner und Ellerstraße ihre Afro-Shops haben, der jüdischen Bevölkerung sowie der muslimischen Gemeinschaft mit dem KDDM und dem Tag der offenen Moscheen am 3. Oktober jeden Jahres.
Immanuel Kant, der bekannte Philosoph der Epoche der Aufklärung, forderte als Herstellung des ewigen Friedens eine große Republik, welche nach Weltfrieden strebt. Diese sollte durch die Öffnung der Grenzen zustande kommen, so dass der Wille nach Frieden hinausgetragen wird, es zu einer Versöhnung der entfernten Weltteile kommt und zum Anschluss weiterer Staaten. Wie für Kant typisch ist hierbei die Bedingung der Wille, die Vernunft, die Freiheit, die Moral, die Bildung, die Autonomie… Er sah ein großes und universelles Land vor Augen mit einer Staatsangehörigkeit und einer Nationalität, um die Unterschiede und Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den unterschiedlichen Kulturen zu vermindern.
Wir kommen meist gar nicht dazu, uns mit den anderen Kulturen auszutauschen, einen Dialog zu führen oder ihnen Respekt zu erweisen, weil dies durch die Vorurteile und Verallgemeinerungen, die wir durch die Medien oder die eigene Neigung vermittelt bekommen, überschattet wird. Auch etwa durch die Gier und den Machtwillen sowie deren Anhäufung des Imperialismus und nicht zuletzt durch eine kapitalistische Gesellschaft. Doch es ist Zeit aufeinander zu zugehen! ,,Guten Tag, ich bin ihr neuer Nachbar. Ich bin Muslim. Wie sie wissen beten wir fünf Mal am Tag. Wenn ich ihnen mal zu laut bin, dann klopfen sie ruhig an die Wand!“ oder ,,Hallo, habe hier ein neues Gesicht gesehen. Sagen sie mal, wie ist das so im Islam mit…“
Und auch wir Muslime dürfen und sollen die Deutschen auch nicht alle in einen Topf werfen! Es gibt sehr viele Deutsche, die uns respektieren und gut behandeln und unsere momentane Situation kennen, der ideologische, spaltende und langsam auch rassistische Krieg.

Möge Allah uns zu einer Bereicherung dieser Gesellschaft machen!

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