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Jul 15

Erstdiagnose Krebs


Erstdiagnose Krebs

“Endlich das Examen hinter mir, nie wieder Prüfungsstress!”, habe ich mir gedacht, “Jetzt beginnt ein ganz neuer Lebensabschnitt in der Klinik”. Ich habe mich schon gefreut, eigene Patienten betreuen zu dürfen. Doch das dies nicht immer so einfach ist, habe ich in den ersten Monaten meiner Ausbildung erfahren, in der ich in der Onkologie eingeteilt worden bin. Ich musste leider sehr oft schlechte Nachrichten übermitteln. Mit den folgenden fünf Fällen will ich euch einen Einblick geben, wie unterschiedlich manchmal Patienten mit der vernichtenden Diagnose “Krebs” umgehen (Die verwendeten Namen sind übrigens frei erfunden, aber die geschilderten Handlungen entsprechen etwa dem, was ich erlebt habe):

 

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Fall 1:

Arzt: Herr Müller, tut mir Leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Untersuchungsergebnisse gezeigt haben, dass die Rückenschmerzen, die sie seit längerer Zeit haben, nicht durch den Bandscheibenvorfall bedingt sind.


Herr Müller: Wie meinen sie das? Es ist doch gut, dass ich keinen Bandscheibenvorfall habe!


Arzt: Leider haben die Untersuchungsergebnisse gezeigt, dass sie einen Tumor im Bauchraum haben – und zwar ein so genanntes Gallengangzellkarzinom, ein bösartiger Tumor. Leider ist das ganze in keinem frühen Stadium mehr, so dass sich schon Tochtergeschwülste, also Metastasen, gebildet haben. Ihre Rückenschmerzen werden durch zahlreiche solcher Metastasen in der Wirbelsäule verursacht.

Herr Müller: Oh! (Nach 30 Sekunden Stille).. wie lange habe ich noch? Seien Sie ehrlich zu mir Herr Doktor. Jetzt ist es sowieso zu spät, oder?


Gallengangzellkarzinom: Ein cholangiozelluläres Karzinom (CCC, Cholangiokarzinom) ist eine seltene, bösartige Geschwulst der Gallengänge. Die Krankheit wird meist erst spät erkannt, und deshalb sind die Heilungschancen begrenzt.

 

Fall 2:
Arzt: Herr Peters (45 Jahre alt), in den letzten Tagen haben wir viele Untersuchungen durchgeführt und inzwischen liegen uns alle Ergebnisse vor. Jetzt müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass die Bauchschmerzen, die sie haben, nicht durch einen Tumor im Bauchraum verursacht worden sind, sondern leider durch einen Lungenkrebs, welcher in den Bauchraum gestreut hat. Leider haben wir bei Ihnen auch Hirnmetastasen nachweisen können.


Herr Peters (mit Tränen in den Augen): Oh! Damit habe ich nicht gerechnet.. Wie kann so etwas so schnell passieren? Bis vor drei Wochen konnte ich völlig normal Fußball spielen und Wasserkästen in den dritten Stock tragen. Wie konnte das alles so plötzlich kommen?

Herr Doktor sagen Sie mir bitte ehrlich, wie viel Zeit habe ich noch?

Lungenkrebs ist eine bösartige Entartung des Gewebes der Lunge. Man unterscheidet zwischen dem Bronchialkarzinom (Krebs des eigentlichen Lungengewebes) und dem Mesotheliom (Krebs des Lungenfells). Der Hauptrisikofaktor für Lungenkrebs ist das Rauchen. Auch Passivrauchen steigert das Risiko für Lungenkrebs.

 

Fall 3:
Die Diagnose Magenkrebs wurde am Donnerstag gesichert (es war 1 Tag vorm Karfreitag). Um die Patientin nicht über die Feiertage traurig zu machen, habe ich ihre Diagnose am Dienstag mitgeteilt:


Arzt: Frau Franke, wir haben einige Untersuchungen durchgeführt. Wie Sie wissen, brauchen einige Ergebnisse etwas mehr Zeit. Nach Ostern können wir Ihnen sagen, ob wir etwas gefunden haben oder nicht.

 

Frau Franke: o.k. kein Problem, ich habe Zeit.


Arzt (nach Ostern): In Zusammenschau aller Befunde müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir einen Tumor im Bauchraum gefunden haben, und die Histologie zeigte, dass es sich um einen bösartigen Tumor handelt.

Frau Franke (lächelt): O.K. und wie geht’s jetzt weiter.

 

Arzt: Da wir leider gesehen haben, dass der Krebs bereits gestreut hat, müssen Sie sich einer Chemotherapie unterziehen.

 

Frau Franke (lächelt): O.K. dann machen wir es.

 

Arzt: Ihre Reaktion verwundert mich ein wenig. Sie scheinen gar nicht schockiert oder traurig zu sein.


Frau Franke: Traurig bin ich schon, aber was soll ich machen? Wenn es mich erwischt hat, dann muss ich Geduld haben. Ich kann es sowieso nicht ändern und wenn ich noch dazu deprimiert bin, dann wird es schlimmer.

 

Magenkrebs (Magenkarzinom): Hierbei handelt es sich um eine bösartige Tumorerkrankung des Magens. Er ist eine relativ häufige Tumorart, die häufig erst spät erkannt wird. Je früher Magenkrebs aber entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen.


Fall 4:
Arzt: Herr Schneider, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass die Histologie gezeigt hat, dass sie einen bösartigen Tumor im Darm haben.


Herr Schneider (nach 20 Sekunden Stille): Nein, das ist ungerecht. Das kann ich nicht verstehen. Ich habe nie geraucht, nie getrunken und ich habe immer gesund gelebt.

Darmkrebs wird durch unterschiedliche Faktoren verursacht. Es ist zum Teil genetisch bedingt, wird aber auch durch Übergewicht, Bewegungsmangel und täglichem Fleischkonsum verursacht. Übrigens war Herr Schneider leider übergewichtig, hat kein Sport gemacht, und hat nach seinen Angaben täglich mindestens einmal Fleisch gegessen, über vielen Jahren.

 

Darmkrebs ist ein bösartiger Tumor des Darms. Er gehört zu den häufigsten Krebsarten überhaupt. Dem Darmkrebs voraus gehen meist Darmpolypen, die sich im Laufe von wenigen Jahren bösartig verändern. Da Darmkrebs sehr langsam wächst, kann eine rechtzeitige Darmspiegelung das Leben retten.

 

Fall 5:
Arzt: Frau Birke, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Sie ein Bauchspeicheldrüsenkrebs haben. Das haben wir nun nach zahlreichen Untersuchungen bestätigen können.

 

Frau Birke (30 Sekunden gewartet und mit Tränen in den Augen): O.K., was kann man da machen?

 

Arzt: Da es bereits gestreut hat, hilft nur noch die Chemotherapie.

 

Frau Birke: O.K. ich bin eine starke Frau, ich schaffe das. Ich habe vieles in meinem Leben geregelt bekommen. Wann können wir mit der Chemotherapie anfangen?

 

Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskarzinom) ist eine bösartige Erkrankung des Pankreas. Die Erkrankung verläuft oft lange symptomlos, weshalb der Pankreaskrebs häufig erst zu spät entdeckt wird. Er geht mit sehr schlechten Heilungchancen und somit einer sehr schlechten Prognose einher.

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Wie ihr sehen könnt, gibt es zum Teil ganz unterschiedliche Reaktionen auf die Diagnose Krebs. Es gibt Leute wie Herrn Peters, die eine gesunde Lebensweise durchgeführt haben und trotzdem die Diagnose Krebs erhalten, was natürlich sehr niederschmetternd sein kann.  Es gibt Leute wie Leute Herrn Schneider, die so verzweifelt sind, dass sie eindeutige Tatsachen, wie die eigene Fettleibigkeit, verdrängen und behaupten, sich gerade gesund ernährt zu haben. Manchmal kann eine schwere Diagnose die eigene Wahrnehmung sehr stark verzerren. Es gibt aber auch Leute wie Frau Franke, die anscheinend gar keine Angst vor der Diagnose haben und tapfer ihr Schicksal annehmen.

 

Zu welcher Kategorie von Mensch würdest du dich sehen, wenn du plötzlich eine traurige Nachricht erhalten würdest?

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