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Dez 14

Liebe auf den ersten Blick

Liebe?!

Er sah das Mädchen von Weitem und sie sah ihn, sie stand mit ihrer Schwester an der Wasserstelle und wartete darauf, dass sie dran kamen. Er kam auf sie zu und fragte höflich und besorgt: “Was ist mit euch?”. Er war ein Gentleman, der helfen wollte, und das tat er auch, das schwere Wasser tragend, selbstlos und ohne Hintergedanken.

„O mein Herr! Ich brauche sehr, was du mir an Gutem herabsendest.“ – So lautete sein Gebet. Sie hat sein Herz berührt, aber nach einem heimlichen Date hat er sie nicht gefragt, er war nicht aufdringlich, sondern taktvoll und höflich. Er wusste nicht, wo sie wohnte, er wusste nicht einmal, wie sie hieß oder ob er sie jemals wiedersehen würde, denn er kam nicht aus der Stadt. Er war ein fremder, ein Flüchtling. Arbeitslos und obdachlos.



Es war Liebe auf den ersten Blick und sein Gebet wurde anscheinend erhört, denn sie erzählte ihrem Vater von ihm und schwärmte: „Vater, nimm ihn doch in deinem Dienst auf! Der Beste, den du anstellen kannst, ist derjenige, der stark und zuverlässig ist.“ Sie hatte den zuverlässigen Mann in ihn gesehen, er hatte sie ja nicht belästigt, er hatte sie nicht bedrängt. Sie hatte in ihn den großmütigen, starken und höflichen Mann gesehen. Sie war eine Frau, die auf den Charakter schaute und nicht etwa auf Status oder Aussehen. Er war arm und obdachlos, trotzdem war er für sie der Richtige, denn die inneren Werte sind die wahren Werte.

Der Vater hatte Verständnis für seine Tochter, er sprach mit ihr, kannte ihre Bedürfnisse, er war offen und vorrausschauend, kein distanzierter Vater, sondern ein guter Zuhörer, der seine Töchter verstand, sie als komplettes Wesen ansah und wahrnahm, welches eine Seele an Liebe, Bedürfnisse und Sehnsüchte in sich trägt. Der Vater hatte auch die Ansicht, dass zu einem Mann mehr gehört, als angesehenes Studium, gut bezahlte Arbeit und aufstrebende Karriere. Der Charakter zählt.

Liebe, aber mit Zustimmung!

Das Mädchen suchte nach Zustimmung ihres liebevollen Vaters den jungen Mann in der Stadt auf und lud ihn zu ihrer Familie nach Hause ein. Sie war höflich und schüchtern. Das Wort “schüchtern” sagt vieles über eine  junge Muslima aus. Eine Muslima soll weiblich sein, höflich und zurückhaltend. Meiner Meinung nach liegt die Stärke einer Frau in ihrer “Schwäche”. Die Frau ist das Herz und die Seele jeder Gesellschaft. Ohne die Sanftmütigkeit, Güte, Liebe und Menschlichkeit der Frauen, wäre die Welt ein lebloser Albtraum und so verflucht der Prophet (s.a.s.) Frauen, die sich wie Männer benehmen, die einen männlichen, frechen und rauen Charakter haben. Ibn Abbas berichtete: „Der Gesandte Allahs (s.a.s) verfluchte diejenigen Männer, die die Frauen nachahmen, und verfluchte ebenfalls diejenigen Frauen, die die Männern nachahmen.“ (Die Nachahmung umfasst alle Bereiche der Kosmetik, der Bekleidung, der Verhaltensweisen usw., zu finden in Sahih Al-Bucharyy Nr. 5866)




Der Vater stellte den jungen Mann bei sich als Arbeiter ein und so konnte er das Mädchen näher kennen lernen. Schließlich vermählten sich die beiden, gingen durch dick und dünn, bekamen viele Kinder und lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Liebe aus dem Koran

Dies ist keine Geschichte aus einem Liebesroman, sondern ist eine “erweiterte Geschichte” aus dem Koran (Surat Al-Qasas) – nämlich die Geschichte von Moses, wie er seine Frau kennen gelernt hat. Dass Allah diesen Lebensabschnitt von Moses im Koran so detailliert erwähnt, ist kein Zufall, denn nichts ist im Koran dem Zufall überlassen. Es ist notwendig, dass die Muslime Hinweise über das Leben des Propheten Moses (a.s.) erhalten, da sie nicht mit ihm zur selben Zeit lebten und ihn trotzdem als Vorbild nehmen sollten. Die Geschichte, wie unser Prophet Mohammed (s.a.s.) Khadija oder ‘Aischa, Allahs Wohlgefallen auf beiden, kennen gelernt hat, wurde im Koran nicht erwähnt, nicht weil sie unwichtig wäre, sondern weil die damaligen Muslime den Propheten durch Familie und Freunde schon kannten. Khadija war eine Geschäftsfrau und seine Chefin gewesen und ‘Aischa war die Tochter seines besten Freundes Abu Bakr.

Die erste Begegnung von Moses mit seiner Frau ist etwas Besonderes und sollte eine Anleitung für junge Muslime sein, wie sie miteinander umgehen sollen. Das Kennenlernen will uns Allah mit dieser Geschichte von Moses in Surat Al-Qasas beibringen. Es ist auch eine Lehre für Eltern, die ihre Töchter nur noch als Putzfrau ansehen, ihre Bedürfnisse ignorieren oder aus ihr unbedingt eine Karrierefrau machen wollen. Es ist wichtig die goldene Mitte zu finden und die Eltern müssen auf die Wünsche ihrer Töchter eingehen.

Besonders in dieser westlichen Gesellschaft ist es für eine junge Muslima sehr schwer, sich islamkonform zu verhalten und sich zurückzuhalten. Denn sie sieht jeden Tag, wie ihre nicht-muslimischen Kollegen oder Mitschüler Liebe und Zweisamkeit ausleben und genießen, sie sieht Beziehungen im Fernsehen, auf der Straße, in der Stadt, in der Schule, einfach in jeder Ecke. Wenn man nun junge Muslime in der Liebe Hindernisse legt, indem man sie erst erlaubt zu heiraten, nachdem sie Studium, Ausbildung und Beruf geregelt haben, und sie dadurch keine erlaubten Türen sehen, drohen leider heimliche Affären oder schwere Depressionen.

Wir reden uns etwas ein, wenn wir sagen, unsere Willenstärke wäre immer größer als unsere Triebe. Das stimmt nicht, wir sind manchmal schwach, Allah weiß das und hat für jedes Bedürfnis eine genüssliche und saubere Lösung erlaubt. Es ist sogar verboten, unser Seelenverlangen zu ignorieren, es ist Pflicht, diese auf eine gute islamische Art zu kanalisieren. Dies wird an mehreren Quranstellen deutlich: „Sag: Wer hat den Schmuck Allahs verboten, den Er für Seine Diener hervorgebracht hat, und (auch) die guten Dinge (aus) der Versorgung (Allahs)? Sag: Sie sind im diesseitigen Leben für diejenigen (bestimmt), die glauben, und am Tag der Auferstehung (ihnen) vorbehalten. So legen Wir die Zeichen ausführlich dar für Leute, die Bescheid wissen.

Sag: Mein Herr hat nur die Abscheulichkeiten verboten, was von ihnen offen und was verborgen ist; und (auch) die Sünde und die Gewalttätigkeit ohne Recht, und, dass ihr Allah (etwas) beigesellt, wofür Er keine Ermächtigung herabgesandt hat, und dass ihr über Allah (etwas) sagt, was ihr nicht wisst.“ (Sure Al-Araf, Vers 32-33)

Schmuck im Koran und im Arabischen versteht man im Sinne von Geld, Zweisamkeit, Kinder und alles, was uns im Leben Spaß macht.

Moses flüchtete von Ägypten nach Palästina. Er war alleine, fremd in einem Land. Er war arbeitslos und hatte trotzdem für seine Hilfe, die er den Frauen bat, kein Geld verlangt. Er wusste, dass Allah ihn für seine Tat, für seine Selbstlosigkeit und Zurückhaltung belohnen wird. Moses, der Vater der Juden, heiratete eine Araberin aus Madian. Moses und seine zukünftige Frau hatten miteinander gesprochen. Es ist im Islam nicht verboten, dass man sich vor der Ehe kennenlernt, denn Moses hatte sie angesprochen und sie ihn nachher auch – aber auf eine respektvolle, sachliche Art, auf eine taktvolle und zurückhaltende Weise in der Öffentlichkeit. Es muss also auf eine korrekte Art und Weise geschehen, optimalerweise unter Aufsicht von Familie und Eltern.

Allah sagt im Koran Al Qasas Vers 29: “Als Moses die vereinbarte Zeit beendet hatte und mit Frau und Angehörigen auszog, erblickte er in Richtung des Berges Tûr Feuer.” Dort am Berg hat Allah mit Moses gesprochen. Es ist kein Zufall, dass der heilige Berg Tûr, Frau und Familie von Moses im selben Satz im Koran vorkommen, im Koran ist kein Platz für Zufälle. Familie ist genauso wie der Berg Tûr heilig bei Allah und erst mit Frau und Familie ist ein Mann fähiger, sein Schicksal in die Hand zu nehmen und seine Mission zu erfüllen. “Heirat ist die Hälfte der Religion”, sagt der Prophet Mohammed (s.a.s.). Er spricht nie aus Lust und Laune. So beschrieb Allah ihn in Surat An-Najm. Das kurze Kennenlernen an der Wasserstelle und damit das Etabliereren einer kleinen Familie war die Vorraussetzung für Moses, um mit Allah zu sprechen, das Meer zu teilen und damit Pharao zu besiegen. Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau, die Geschichte der starken Frau hat Allah im Koran nicht ignoriert.

Früher haben sich einige junge Muslime an Wasserstellen und Wochenmärkten kennen gelernt, auch meine Existenz verdanke ich einem Wasserbrunnen in Omas Dorf in Al-Zawya, Marokko. In vielen islamischen Dörfen und Städten haben sich junge Muslime in der Öffentlichkeit und unter Aufsicht kennen gelernt, sie waren immer mit einem Verwandten dort, beispielsweise mit Bruder oder Onkel, sie haben sich dort öfters gesehen, miteinander gesprochen, respektvoll und zurückhaltend. So konnten sie jemanden finden, den sie auch vom Aussehen und Charakter her mochten. So haben sie auch die Eltern und die Familie gleichzeitig kennen gelernt. Der Hausbesuch, um um die Hand der Tochter zu halten, war kein Überraschungsattentat. Alle wussten es vorher und beide Familien freuten sich, bereiteten sich wochenlang auf die Feierlichkeiten vor. Früher haben sich viele mit 12 – 14 Jahren kennen gelernt und spätestens mit 16 waren sie ein Ehepaar, sie haben sich alles zusammen erarbeitet und lebten in Respekt und Liebe lange und zufrieden.

Zurück zum Thema Wasserbrunnen. Nun ja, heutzutage gibt es Wasserleitungen und Wasserhähne im Dorf Al-Zawya, die Wasserquellen sind leider Geschichte, wie auch der Zusammenhalt einiger Familien. Manche Jungs sitzen nun in Cafes und schauen Fußball, während manche Mädchen eine romantischen Parallelwelt, geprägt durch mexikanische Serien und Bollywood-Filme, vorstellen, die mit der Realität nichts zu tun hat.

Ein „Zusammensein“ oder eine „Liebesbeziehung“ ist zwischen zwei 16-Jährigen im Westen völlig normal. Dies war früher ebenfalls die Regel in der islamischen Welt, aber das “Zusammensein” hatte als Ehe Legitimation. Junge Muslime müssen heutzutage mehrere Jahre warten, bis sie die richtige Ehepartnerin finden. Dies ist eine katastrophale Entwicklung mit schlimmen Folgen! Fitna ist somit vorprogrammiert! Der Mann muss so lange arbeiten, bis er eine feste Anstellung, ein Auto, eine Wohnung hat und in der Lage ist, ein hohes “Mahr-Sadak” (Brautgeld) zahlen zu können. Die Muslima muss die Schule und das Studium fertig haben, am besten auch ein Diplom und eine steile Karriere haben. In manchen islamischen Ländern kostet die Hochzeit und die “Mahr” ein ganzes Vermögen. Ich frage mich immer, ob diese Vorraussetzungen etwas mit dem Islam zu tun haben?

Wir haben die Geschichte von Moses und seine Frau in Surat Al-Qasas gelesen. Halten wir uns wirklich an den Koran, oder sind diese neuen Voraussetzungen nichts anders als kulturelle und materialistische Paradigmen?

Manche Muslime haben nun das Gefühl, dass der Islam nur noch aus Verboten besteht. Manche junge Muslime können oder wollen sich an Koran und Sunna nicht halten, obwohl sie diese gar nicht richtig kennen. Sie sehen im Islam nur eine Einengung der Privatsphäre, eine geschlossene Zone aus Verbote, Grenzen und Tabus, aber das sind meistens kulturelle Paradigmen, die eher die Denkweise der Eltern und Großfamilie als den wahren Islam repräsentieren. Ich frage mich deswegen oft: wie haben wir es soweit geschafft, die wahre Religion derart falsch darzustellen?

Allah hat uns  alles erlaubt und die Verbote sind nur Ausnahmen im Koran und Sunna. Die Scharia soll alles vereinfachen und das Beste aus uns holen. Von tausenden Früchten und Säften ist nur Alkohol verboten und von tausenden Fleisch- und Fischarten sind nur Schweinfleisch, Blut und Kadaver im Koran verboten. Allah hat uns alle Arten von Sport erlaubt. Wir dürfen reisen, alle Sprachen lernen, nach Wissen aller Art anstreben und sogar Polygamie ist unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Woher entsteht also dieses Gefühl von Enge und Zwänge bei den meisten Muslimen? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns den Unterschied zwischen Islam und Tradition klar stellen! Manche Muslime leben nach westlichen Werten und Prinzipien, versuchen aber dies mit meist nicht-islamischen orientalisch-kulturellen Paradigmen zu mischen und so entsteht eine paradoxe Lebenseinstellung. Es ist ein schizophrenes Welterlebnis, denn die meisten nehmen die westliche Gesellschaft wahr, richten sich danach aus, haben aber gleichzeitig eigene orientalische Vorstellungen, wie familiäre Interaktionen ablaufen sollen, bezüglich des Kennenlernen und der Heirat, diese Vorstellungen haben aber meist mit den Grundprinzipien des Islams nichts zu tun. Diese Leute leben in Wiederspruch sowohl zur Religion, als auch zum Westen.

Kulturell ist es z.B. verboten, dass zwei 14- oder 16-jährige Muslime sich lieben und zusammen kommen, jede Art der Beziehung ist in dieser Hinsicht verboten. Was sagt die Religion dazu? Verbietet die Religion Liebe und Partnerschaften zwischen jungen Muslimen oder nur die heimliche und außerehrliche Beziehung?

Kulturell ist es auch verboten, dass der Junge seine Herzensdame trifft. Was sagt der Islam dazu? Sind solche Dates komplett verboten, oder organisiert die Religion solche Treffen, mit bestimmten Regeln und Vorraussetzungen?

Kulturell ist es auch unvorstellbar, dass ein junges Mädchen ihren Vater von einem hübschen und netten Jungen aus der Schule oder der Uni erzählt. Es ist für die meisten auch undenkbar, dass der Vater diesen Jungen auch noch einlädt um ihn näher kennen zu lernen. Verbietet das der Islam auch?

Wir haben einen Teil von Moses Geschichte im Koran gelesen und die Fragen, die wir uns jetzt stellen müssen, lauten: Sind diese Verbote, die in manchen muslimischen Familien zu finden sind, islamisch vertretbar? Darf sich ein Mädchen nach islamischer Sicht wirklich nicht verlieben? Darf ein Mädchen im Islam gegen ihren Willen verheiratet werden? Darf sie sich keinen Partner aussuchen? Darf sie wirklich ihre Eltern nie von irgendwelchen Jungen erzählen oder sind es nicht doch einfach nur kulturelle Ansichten? Was ist mit dem Thema Jungfräulichkeit?

Liebe auch in den nächsten Ausgaben

Diese und weitere Fragen werde ich in den nächsten Ausgaben beantworten und auch Lösungen vorschlagen, wie sich junge Muslime nach islamischen Regeln verlieben, treffen und vermählen können.

Ihr könnt uns gerne eure Lösungsvorschläge und Ideen zusenden. Davor laden wir Euch aber ein, die Geschichte Moses in Surat Al Qasas genauer zu lesen.

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