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Jul 23

‘Umar Ibn al-Khattab und Abu Jahl

Islam ‘Umar Abu Jahl

Ähnlich und doch grundverschieden -‘Umar Ibn al-Khattab und Abu Jahl


Wer den Namen unseres zweiten rechtgeleiteten Kalifen und großen Vorbildes für alle gerechten Herrscher in einem Atemzug mit dem größten Tyrannen seiner Zeit genannt hört, den mag große Verwunderung überkommen. Folgt dann noch die Behauptung, ‘Umar Ibn Al-Khattab (ra) und Abu Jahl wären sich in vielerlei Hinsicht ähnlich gewesen, überkommt einen berechtigtes Erstaunen. Doch tatsächlich, wer die Biografien beider studiert, wird verblüffende Parallelen in Charakterzügen und Eigenschaften feststellen. Beide waren sich in ihrer Kraft, Stärke und ihrem Einfluss auf ihre Gesellschaft so ähnlich, dass der Gesandte Allahs (Frieden und Segen auf ihm)  – als der Islam noch schwach war – Allah darum bat, dass Er entweder ‘Umar oder Abu Jahl rechtleiten möge, auf dass der Islam und die Muslime durch sie Stärke fänden:
‘Abdullah Ibn ‘Abbas berichtet, dass der Gesandte Allahs (Frieden und Segen auf ihm) sagte: „‚Oh Allah, stärke den Islam mit Abu Jahl Ibn Hisham oder mit ‘Umar Ibn Al-Khattab.‘ Am Morgen ging ‘Umar zum Propheten und nahm den Islam an, sodann betete er öffentlich in der Moschee“ (überliefert bei den Imamen Ahmad und At-Tirmidhi).

Es waren schließlich die Lebenswege, die ‘Umar (ra) und Abu Jahl jeweils für sich wählten, welche den zweitengsten Gefährten des Gesandten Allahs und den ärgsten Feind des Propheten (saw) dann doch grundverschieden machten. Ihre Schicksale mögen ähnlich begonnen haben, nahmen aber einen Lauf, der gegensätzlicher nicht hätte sein können.

‚Amru Ibn Hisham

„Abu Jahl“ war der sich später, aufgrund seiner großen Ignoranz gegenüber dem Islam, verdiente Beiname von ‘Amru Ibn Hisham. Er wurde ca. 556 n.Chr. geboren und sollte im Alter von 68 Jahren auf erniedrigende Art sterben. Er blieb bis zu seinem Lebensende Mushrik. Jedoch war er nicht irgendein Götzenanbeter, vielmehr gehörte er zu den größten Führern der Quraish und war gleichzeitig einer der bösesten Feinde des Propheten (Frieden und Segen auf ihm). ‘Amru Bin Hisham sollte sich einen Namen machen als Rädelsführer der Hetze, Propaganda sowie Verfolgung der Muslime und des Islam. Seine Niedertracht und sein Hass waren so ausgeprägt, dass er vom Gesandten Allahs (Frieden und Segen auf ihm) den Titel “Pharao dieser Ummah” verliehen bekam.

Ursprünglich lautete die Kunya (Beiname) von ‘Amru Bin Hisham „Abu al-Ḥakam“ (Vater der Weisheit). Er war ein weiser, intelligenter und scharfsinniger Mann, der selbst von den Älteren der Quraish für diese Eigenschaften geschätzt wurde. Sein Scharfsinn war so stark ausgeprägt, dass er im Alter von nur 30 Jahren schon am Führungsrat der Mekkaner teilnahm, obwohl das reguläre Zugangsalter mindestens 40 Jahre betrug.

Mag ‘Amru Bin Hisham auch noch so intelligent gewesen sein, so sträubte er sich dennoch zeitlebens gegen den Islam und ließ sich von seiner Auffassungsgabe nicht zum Weg der Wahrheit führen. Ein Mann, der den Propheten Muhammad (Frieden und Segen auf ihm) persönlich erlebte, seine größten Gefährten schon aus der Kindheit kannte, Zeuge des Zeitalters der Offenbarung und des Qur’ans aus dem Munde des Gesandten Allahs wurde und sich danach entschied, zum Feind des Islam und aller Muslime zu werden, ist trotz allen Scharfsinns wahrlich ein Unwissender! So bekam er vom Propheten  persönlichen den schmachvollen Namen Abu Jahl (Vater der Unwissenheit) verliehen:

Der Gesandte sagte dazu: „Wer Abu Jahl Abul Hakam nennt, der hat einen schweren Fehler begangen. Er sollte dafür Allah um Vergebung bitten.“ (Ansabul-Ashraaf)

Abu Jahl war Abkömmling der Banu Makhzum, ein besonders edler und reicher Stamm. Vor allem aber war er der Onkel mütterlicherseits von ‘Umar Ibn al-Khattab. Obwohl Abu Jahl, wie alle Götzendiener, fest an Allah als Schöpfer glaubte, gesellte er Ihm jedoch nach dem Brauch der Quraish bei, betrieb Götzendienst und hielt an der Religion seiner Vorfahren verbittert fest. Die niederen Beweggründe für seine Ablehnung des Islam fasste er einmal zusammen, indem er sagte: “Wir konkurrierten mit den Banu Abd Manaf in allem, um gesellschaftliche Stellung und einen hohen Rang zu erhalten. Sie speisten die Leute, so speisten auch wir die Leute. Sie gaben Spenden, so gaben auch wir Spenden. Sie kümmerten sich um die Menschen, so taten wir es auch. Dies ging so lange, bis wir die gleiche Stellung erlangten. Doch jetzt behaupten sie: ‚Aus uns geht ein Prophet hervor, der Offenbarung vom Himmel erhält.‘ Wie können wir da mithalten? Bei Allah, wir werden nie an ihn glauben und niemals seine Botschaft annehmen!“

So wie bei allen anderen Quraishiten galt die Verweigerung Abu Jahls viel weniger der Wahrhaftigkeit des Islam, als der absehbaren gesellschaftlichen Veränderungen: Der Islam stellte eine Gefahr für die gesellschaftliche Hierarchie Mekkas dar, denn er war bestrebt, alle Muslime – selbst Herren und Sklaven – zu Geschwistern zu machen. Abu Jahl sah im Islam eine Bedrohung seiner Macht. So war ihm selbst Folter bis zum Tod als Mittel recht, um die Menschen vom Islam abzuhalten. Er gehörte zu jenen, die die Muslime vor der Auswanderung in die offene Wüste trieben und sie dort boykottierten. Er war später jener, der den Boykott unbedingt aufrechterhalten und dazu das Zerreißen des Boykott-Abkommens (welches längst – bis auf die Eingangsformel „Bismillah“ – von Ameisen zerfressen war) in der Kaaba verhindern wollte. ‚Abdullah Ibn Mas’ud (ra) berichtet auch, dass Abu Jahl einmal an der Kaaba die Eingeweide eines Kamels auf den Rücken des Propheten werfen ließ, als sich dieser in der Niederwerfung befand. Da lachten die Quraish hämisch. Als Fatima den Dreck von ihrem Vater entfernt hatte, sprach der Prophet (Frieden und Segen auf ihm) ein Bittgebet gegen die Übeltäter: „Oh Allah, bestrafe die Quraish! Bestrafe Abu Jahl, ‚Utba Ibn Rabi’a, Shaiba Ibn Rabi’a, Al-Walīd Ibn ‚Utba, Umaiya Ibn Khalaf und ‚Uqba Ibn Abi Mu’it“. Alle Erwähnten wurden später in der Schlacht von Badr getötet! Als der Prophet  von seiner Himmelreise berichtete, trommelte Abu Jahl schnell die Feinde des Islam zusammen, um den Gesandten Allahs vor den versammelten Mekkanern mit Gelächter und Pfiffen bloßzustellen. Er schmiedete schließlich sogar den Plan, den Propheten gemeinsam durch die Söhne aller Stämme töten zu lassen, welchem der Prophet durch seinen Aufbruch nach Medina zuvorkam.

So schändlich wie Abu Jahl lebte, so elendig fand sein Leben auch ein Ende. Tödlich verwundet fand ‚Abdullah Ibn Mas’ūd Abu Jahl am Tage der Schlacht von Badr bei seinen letzten Atemzügen, setzte den Fuß auf dessen Hals und fragte: “Hat Allah dich in Schande versetzt?” Abu Jahl antwortete, selbst im Sterben noch hasserfüllt und hochmütig: „Wie soll Allah mich beschämt haben? Bin ich denn irgendetwas Herausragenderes als ein Mann, den du getötet hast? Wie verlief die Schlacht?” Als ‘Abdullah Ibn Mas’ud ihm sagte, dass die Muslime gewonnen hatten, sprach Abu Jahl seine letzten Worte: “Du bist weit hochgeklettert, du kleiner Hirte!” Als der Prophet (Frieden und Segen auf ihm) später den leblosen Körper Abu Jahls auf dem Schlachtfeld liegen sah, sagte er: “Das ist der Pharao dieser Ummah.

‘Āmir ash-Sha‘bi (ra) berichtet: “Ein Mann kam am Schlachtfeld von Badr vorbei, als er den Körper eines Mannes aus dem Boden aufsteigen sah, hinter ihm ein Mann mit einer Keule. Der Mann mit der Keule schlug den anderen Mann, und zerrte ihn wieder unter die Erde. Dies geschah mehrmals hintereinander. Der Beobachter bekam Angst und berichtete es dem Propheten, welcher sagte: ‚Das war Abu Jahl Ibn Hisham. Er wird auf diese Weise bis zum jüngsten Tag gestraft werden!’ “

‘Umar Ibn Al-Khattab

Jeder Muslim, der sich mit der Sira des Propheten Muhammad (Frieden und Segen auf ihm) befasst hat, kennt ‘Umar Ibn Al-Khattab (ra) als dessen steten Begleiter, neben Abu Bakr (ra). Es gibt kaum jemanden unter den ehrenwerten Prophetengefährten, der seiner Umma so diente und ihr so nützlich war wie ‘Umar Ibn al-Khattab. Intelligenz, Scharfsinn, Führungsqualität, Weitblick, Konsequenz, Stärke, Kraft und Selbstbewusstsein, all diese Eigenschaften beschreiben Abu Jahl und ‘Umar gleichermaßen.

‘Umar Ibn Al-Khattab (ra) war der Neffe von Abu Jahl und somit von gleichsam edler Abstammung. Er war gefürchtet unter den Menschen aufgrund seiner Statur, seiner Stärke, seines messerscharfen und strengen Charakters. Vor allem war aber auch er, genau wie der unsägliche Abu Jahl, von rasiermesserscharfem Verstand. Ursprünglich ein Gegner der neuen Botschaft des Islam, nahm ‘Umar etwa drei Jahre nach der Entsendung des Propheten im Haus seiner Schwester den Islam an, nachdem er dort einige Zeilen des Qur‘an vernommen hatte. So wurde ‘Umar innerhalb weniger Momente vom potentiellen Mörder des Gesandten Allahs zu dessen glühendstem Befolger. An jenem Tag machte sich ‘Umar auf den Weg zu Abu Jahl, den er als größten Feind des Islam kannte und sagte ihm höchstpersönlich, dass er den Islam angenommen hatte. ‘Umar, der Abu Jahl in vielerlei Hinsicht ähnlich gewesen war, hatte nun den richtigen Weg eingeschlagen. So viel Aufrichtigkeit konnte Abu Jahl wohl nicht ertragen und schlug ihm dafür die Tür vor der Nase zu.

Auch ‘Umar Ibn Al-Khattab (ra) bekam vom Propheten (Frieden und Segen auf ihm) höchstpersönlich einen Beinamen verliehen: „Al-Faruq“ (der Unterscheider zwischen Wahrheit und Unwahrheit, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit). Denn wahrlich, niemand nach dem Gesandten Allahs war so konsequent und unnachgiebig, wenn es um Wahrheit und Gerechtigkeit ging! Abu Jahl war nicht minder intelligent als ‘Umar, widersetzte sich jedoch willentlich der Wahrheit, die niemand von den Mekkanern im Qur’an verkennen konnte und so verdiente er sich keinen ehrenvollen Beinamen, sondern sollte als „Pharao der Ummah“ in die Geschichte eingehen. Während Abu Jahl sich mit seinem Hochmut im festen Griff des Shaytan befand, war es ‘Umar, von genauso hoher Geburt und edler Abstammung, den der Shaytan mied und bei dessen Anblick er eilig die Straßenseite wechselte!

Abu Jahl trifft bis zum jüngsten Tag ein erniedrigendes Schicksal auf dem Schlachtfeld von Badr und was ihn danach erwartet, ist noch viel schrecklicher. Es wird auch berichtet, dass ‘Umar sich im Grab nicht von den furchteinflößenden Engeln Munkar und Nakir befragen lassen, sondern zurückgeben wird: „Wisst ihr denn nicht, wer mein und euer Herr ist?!“

Abu Jahl war stark und einflussreich, nutzte diese Eigenschaften jedoch für Unterdrückung und Unrecht. ‘Umar dagegen war der gerechteste Kalif, den diese Ummah jemals erleben durfte. Einmal schulterte er einen riesigen Sack Weizen ganz alleine. Da wollte ihm einer seiner Bürger helfen und ihm den Sack abnehmen, er sei ja immerhin der Führer der Muslime, Amir Al-Mu’minin! Der Kalif wurde wütend und fragte: „Wirst du etwa am jüngsten Tag auch meine Sünden schultern?“

Wie kann es bloß sein, dass zwei Menschen mit so ähnlichen Voraussetzungen und Eigenschaften so unterschiedlicher Wege gingen?

An der Gegenüberstellung dieser Persönlichkeiten wird deutlich, dass jedes Talent, jede Eigenschaft und jedes Geschenk von Allah, dem Allmächtigen, uns in die höchsten Höhen des Paradieses aufsteigen oder in die tiefsten Tiefen der Hölle hinabstürzen können! Ob Intelligenz, Stärke, Ansehen oder Scharfsinn, niemand außer Allah verleiht diese Eigenschaften. Kein Mensch hat sie sich selbst verdient. Die bohrende Frage lautet aber: Was machst du mit den Eigenschaften und Talenten, die Allah dir gegeben hat? Wie setzt du sie ein? Auf welcher Seite stehst du damit? Stellst du deine Intelligenz in den Dienst des Islam, oder wendest du sie gegen die Wahrheit? Widmest du deine Kraft und Stärke der Erhöhung von Allahs Worten? Oder nutzt du sie vielleicht nur zu deinem eigenen, weltlichen Vorteil?

Es gibt genug Menschen mit Potenzial und Talenten. Jeder Mensch ist auswechselbar, niemand unersetzlich. Weder brauchen Allah, noch sein Din unsere Intelligenz oder unsere Kraft. Wir sind darauf angewiesen, uns in den Dienst des Islam zu stellen! Wer sich dem verweigert, für den wird Allah schnell einen noch intelligenteren, scharfsinnigeren, stärkeren und konsequenteren Ersatz unter Seinen Dienern finden. Abu Jahl und ‘Umar (ra) hatten einen ähnlichen Start ins Leben, doch allein ‘Umar ergriff die Chance aufs Paradies, die Allah ihm bot! Und so wird jede Fähigkeit des Abu Jahl am jüngsten Tag die Waagschale seiner Schlechtigkeiten noch schwerer machen, während ‘Umar jede seiner Fähigkeiten auf die Waagschale seiner guten Taten wird legen können.

Mögen wir alle unsere Talente und guten Eigenschaften Dem Einen widmen, Der sie uns verliehen hat!

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